Raphaël Fischer-Dieskau & Nils Blau
Nach dem Wald…
bis zum 12. April 2025 zu sehen
Ein brennender Baum steht im Kornspeicher des Gut Kerkow. Einzelne Vogelstimmen, die nacheinander ertönen, liegen wie eine Soundkulisse über dem dystopischen Szenario, bevölkert zudem von seltsam verfremdet abstrakt-organischen Kreaturen….
Der Baum, eine Installation von Raphaël Fischer-Dieskau, wirkt nicht gewachsen, sondern zusammengesetzt, montiert aus Einzelteilen, gehalten von einem Gerüst, das seine Verletzlichkeit offenlegt. Schwarze, knorrige Äste ragen aus einer sichtbar technischen Konstruktion aus Metallstangen, Kabeln und Apparaturen. Rotes LED-Licht glüht in den Astgabelungen, während feiner Wasserdampf aufsteigt und den Eindruck von Rauch erzeugt. Was aus der Distanz wie ein Moment der Katastrophe erscheint, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als kontrollierte Simulation. Der Baum ist eine Chimäre – halb Naturkörper, halb Maschine – eine Art Frankenstein der Landschaft. In dieser künstlichen Wiederbelebung wird der Wald nicht romantisiert, sondern als etwas gezeigt, das nur noch technisch stabilisiert, rekonstruiert und erinnert werden kann. Das Werk stellt die Frage, was nach dem Wald bleibt: ein Bild, eine Apparatur, ein Nachleben aus Licht, Dampf und Erinnerung.
Die Vogelstimmen – Gesänge, die sonst beruhigend wirken – verstärken den Eindruck des Endzeitszenarios, denn die abgespielten Aufnahmen stammen von zehn ausgestorbenen
Vogelarten. Fischer-Dieskaus Concerto for Extinct Birds ist eine eindringliche akustische Installation, die den Verlust natürlicher Klanglandschaften erfahrbar macht. Formal lehnt sich die Struktur an ein Konzertprinzip an: Der Kaua‘i o’o, ein ausgestorbener Vogel der Insel Kaua’i, fungiert als Solist, während die zeitliche Abfolge der Rufsequenzen unangetastet bleibt. So entsteht ein vielstimmiges, zugleich unnatürliches Klangereignis, das sowohl die Abwesenheit als auch die verlorene Vielfalt der Arten hörbar macht.
Nils Blau ergänzt diesen Ansatz auf einer anderen Ebene. Seine Keramikobjekte spielen mit dem Wiedererkennungswert natürlicher Formen – wie Polypen von Korallen, Lamellen von Pilzen, Pflanzenparasiten oder -samen …. – und brechen diesen zugleich durch ihre Materialität. In seiner künstlerischen Praxis erforscht Blau die Beziehungen zwischen Natur und künstlichen Strukturen. Er erschafft – zum Teil interaktive – keramische Installationen und Objekte, deren Oberflächen zunächst Natürlichkeit simulieren, gleichzeitig aber eine Entfremdung erzeugen, die einen unnatürlichen Eindruck hinterlässt. Die Oberflächen der Skulpturen simulieren Natürlichkeit, wirken jedoch durch ihre Materialität und subtile Verfremdung unnatürlich. Durch diese Hybridität zwischen organischer Form und künstlicher Struktur lädt Blau dazu ein, Natur auf unterschiedlichen Ebenen wahrzunehmen und ihre Fragilität bewusst zu reflektieren. Die Arbeiten machen die Illusion von „Natürlichkeit“ sichtbar und schaffen eine Plattform, auf der die Dichotomie zwischen Natur und
menschlichem Konstrukt erfahrbar wird.
Gemeinsam bilden die Arbeiten von Fischer-Dieskau und Blau eine intensive Auseinandersetzung mit der Fragilität der Natur, ihrem Nachleben in Erinnerung und Technik sowie der Illusion von Natürlichkeit in einer vom Menschen geprägten Welt.
Raphaël Fischer-Dieskau ist ein zeitgenössischer Künstler, der mit Installation, Klang, Skulptur und digitalen Medien arbeitet. Seine Werke verbinden unterschiedliche Materialien und Ausdrucksformen zu atmosphärischen Situationen, in denen Fragen von Natur, Wahrnehmung und gesellschaftlicher Verantwortung verhandelt werden. Ausgehend von einem Hintergrund in klassischer Musik, Fotografie, Bildender Kunst und ArtScience nimmt Klang in seiner Praxis eine zentrale Rolle ein. Licht, Raum und Sound dienen ihm als Mittel, um Verlust, Erinnerung und das fragile Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt erfahrbar zu machen. Dabei interessiert ihn weniger die Darstellung von Natur als deren Nachhall in einer Zeit ökologischer und kultureller Umbrüche.
Raphaël Fischer-Dieskau hat international in Galerien und Kunstinstitutionen ausgestellt. Seine Arbeit bewegt sich zwischen künstlerischer Forschung und sinnlicher Erfahrung und untersucht, wie zeitgenössische Medien unser Verständnis von Gegenwart und Zukunft prägen. Er lebt und arbeitet in Berlin.
Nils Blau arbeitet mit skulpturalen Keramikinstallationen, die organische Formen zitieren und zugleich gezielt irritieren. Auf den ersten Blick erinnern seine Arbeiten an natürliche Erscheinungen, offenbaren jedoch bei näherer Betrachtung ihre Künstlichkeit und erzeugen Momente der Entfremdung. Im Zentrum seiner Praxis steht die Auseinandersetzung mit hybriden Räumen zwischen Natur und menschengemachter Umwelt. Durch keramische Prozesse überführt Blau geologische und dendrologische Strukturen in skulpturale Setzungen, die zwischen Vertrautheit und Fremdheit oszillieren und die Wahrnehmung von Natur als Konstruktion, Illusion und vergängliches Phänomen hinterfragen.
Seine Arbeiten wurden international in institutionellen und kommerziellen Kontexten präsentiert, darunter bei Art Biesenthal, in der Galerie im Turm, auf der Berlin Art Fair sowie in Galerien wie der Galerie Setareh. Nils Blau studierte Bildende Kunst an der Universität der Künste Berlin. Er lebt und arbeitet in Berlin und erforscht in seiner künstlerischen Arbeit kontinuierlich die Beziehungen zwischen natürlichen Erscheinungsformen und künstlich geschaffenen Strukturen.
After the forest…
on view till April 12th, 2025
A burning tree stands in the grain store of the Gut Kerkow estate. Individual bird calls, sounding one after another, hover like a sonic backdrop over the dystopian scenario, which is further populated by strangely distorted, abstract-organic creatures…
The tree, an installation by Raphaël Fischer-Dieskau, does not appear to have grown naturally but rather to have been assembled—constructed from individual components and held together by a framework that openly exposes its vulnerability. Black, gnarled branches protrude from a visibly technical structure of metal rods, cables, and apparatuses. Red LED light glows in the forks of the branches while fine water vapor rises, creating the impression of smoke. What from a distance appears to be a moment of catastrophe reveals itself, upon closer inspection, as a controlled simulation. The tree is a chimera—half natural body, half machine—a kind of Frankenstein of the landscape. In this artificial reanimation, the forest is not romanticized but shown as something that can only be technically stabilized, reconstructed, and remembered. The work poses the question of what remains after the forest: an image, an apparatus, an afterlife of light, vapor, and memory.
The bird calls—songs that would normally have a calming effect—intensify the apocalyptic atmosphere, as the recordings played originate from ten extinct bird species. Fischer-Dieskau’s Concerto for Extinct Birds is a powerful acoustic installation that makes the loss of natural soundscapes experientially tangible. Formally, the structure is based on the principle of a concerto: the Kaua‘i o‘o, an extinct bird from the island of Kaua‘i, functions as the soloist, while the temporal sequence of the call recordings remains untouched. The result is a polyphonic yet unnatural sonic event that renders both absence and lost biodiversity audible.
Nils Blau complements this approach on another level. His ceramic objects play with the recognizability of natural forms—such as coral polyps, mushroom gills, plant parasites or seeds-while simultaneously disrupting this familiarity through their materiality. In his artistic practice, Blau explores the relationships between nature and artificial structures. He creates—partly interactive— ceramic installations and objects whose surfaces initially simulate naturalness, yet at the same time generate a sense of alienation that leaves an unnatural impression. The surfaces of the sculptures evoke natural forms but appear uncanny due to their materiality and subtle distortion. Through this hybridity between organic form and artificial structure, Blau invites viewers to perceive nature on multiple levels and to consciously reflect on its fragility. The works make the illusion of “naturalness” visible and create a platform on which the dichotomy between nature and human construction becomes experientially tangible.
Together, the works of Fischer-Dieskau and Blau form an intense engagement with the fragility of nature, its afterlife in memory and technology, and the illusion of naturalness in a human-shaped world.
Raphaël Fischer-Dieskau is a contemporary artist working with installation, sound, sculpture, and digital media. His works combine diverse materials and modes of expression into atmospheric situations that address questions of nature, perception, and social responsibility. With a background in classical music, photography, fine art, and art science, sound plays a central role in his practice. Light, space, and sound serve as tools to make loss, memory, and the fragile relationship between humans and the environment perceptible. Rather than depicting nature itself, Fischer-Dieskau is interested in its resonance in a time of ecological and cultural upheaval. He has exhibited internationally in galleries and art institutions. His work moves between artistic research and sensory experience, examining how contemporary media shape our understanding of the present and the future. He lives and works in Berlin.
Nils Blau works with sculptural ceramic installations that reference organic forms while deliberately unsettling them. At first glance, his works recall natural phenomena, yet upon closer inspection they reveal their artificiality and generate moments of alienation. Central to his practice is an exploration of hybrid spaces between nature and the human-made environment. Through ceramic processes, Blau translates geological and dendrological structures into sculptural propositions that oscillate between familiarity and strangeness, questioning the perception of nature as a construct, an illusion, and a transient phenomenon. His works have been presented internationally in institutional and commercial contexts, including Art Biesenthal, Galerie im Turm, the Berlin Art Fair, and galleries such as Galerie Setareh. Nils Blau studied Fine Art at the Berlin University of the Arts. He lives and works in Berlin, where his artistic practice continuously explores the relationships between natural phenomena and artificially created structures.







































